Was der Widerstand gegen Rechenzentren tatsächlich erreicht
Von Beringen bis Virginia formiert sich Protest gegen Rechenzentren. Wer die Fälle nüchtern anschaut, sieht: Sichtbarer Protest macht das Thema öffentlich — verlässliche Wirkung entsteht oft erst dort, wo er früh an Planungs-, Bewilligungs- und Beteiligungsverfahren andockt.
Von Beringen bis Virginia formiert sich Protest gegen Rechenzentren. Wer die Fälle nüchtern anschaut, sieht: Sichtbarer Protest macht das Thema öffentlich — verlässliche Wirkung entsteht oft erst dort, wo er früh an Planungs-, Bewilligungs- und Beteiligungsverfahren andockt.
In Beringen im Kanton Schaffhausen baut die Firma STACK Infrastructure das Rechenzentrum ZUR02, laut Betreiber mit bis zu 36 MW IT-Leistung. EnergieSchweiz nannte im Januar 2026 für die Anlage die Bauphase und einen erwarteten Wasserverbrauch von 55'000 m³ pro Jahr — eine Planungsangabe, kein gemessener Betriebswert. Die Anlage vermietet Rechenfläche an Dritte; welche Firmen sie später nutzen, war laut EnergieSchweiz noch offen. Anfang Juli 2026 räumte die Polizei nach fehlender Bewilligung ein Protestcamp der Gruppe «Aufstände der Allmende» im zürcherischen Benken; die Aktion wurde im deutschen Tengen fortgesetzt.
Ich arbeite täglich mit neuen Technologien und mit KI, und ich halte wenig von reflexhafter Tech-Skepsis. Trotzdem lässt mich diese Bewegung nicht kalt, denn sie zielt auf die Infrastruktur, auf der mein eigenes Handwerk läuft. Statt mich für eine Seite zu entscheiden, habe ich eine nüchterne Frage verfolgt: Was verändert solcher Widerstand eigentlich? Die Antwort, so viel vorweg als Einordnung, hat weniger mit lauten Bildern zu tun als mit Fristen, Verfahren und der Frage, wer entscheidet.
Was die Umfragen zeigen — und was nicht
Die belastbaren Umfragedaten stammen fast alle aus den USA, und dort ist die Ablehnung breit. Gallup ermittelte im März 2026, dass 71 Prozent der befragten Erwachsenen ein KI-Rechenzentrum in ihrer Gegend ablehnten (1'000 Befragte, Fehlermarge ±4 Prozentpunkte), mit Mehrheiten in allen grossen Parteigruppen. Eine Erhebung des Annenberg Public Policy Center kam im Juni/Juli 2026 auf 61 Prozent Ablehnung — 69 Prozent bei Demokraten, 54 Prozent bei Republikanern, 53 Prozent bei Unabhängigen. Das Thema sortiert sich also nicht sauber nach Lager.
Für die Schweiz und Europa fehlen vergleichbare repräsentative Umfragen, soweit ich sehe. Das europäische Bild stützt sich nicht auf Meinungswerte, sondern auf einzelne Fälle, Proteste, Klagen und Regulierung — Beringen, das gestoppte Meta-Projekt im niederländischen Zeewolde, die irischen Netzauflagen, Widerstand in Frankreich und im österreichischen Kronstorf. Die US-Zahlen sind ein Signal, aber keine Eins-zu-eins-Vorlage für die Schweiz.
Zwei weitere Dinge gehören dazu. Umfragen messen Einstellungen, keine konkrete lokale Abstimmungsprognose. Und breite Ablehnung sagt für sich genommen noch nichts darüber, ob ein einzelnes Projekt gestoppt, verzögert oder mit Auflagen versehen wird. Zwei Fragen drängen sich auf: Warum ist die Ablehnung so breit — und wo lässt sich damit konkret etwas bewegen?
Warum der Streit grösser ist als das Rechenzentrum
Ein Gedanke lässt mich nicht los, und die Recherche stützt ihn — mit einer Einschränkung. Auffällig ist, wie wenig der Protest an der reinen Betroffenheit hängt. Eine Umfrage der Beratungsfirma Milltown Partners fand, dass nur ein kleiner Teil der Rechenzentrums-Gegner überhaupt in der Nähe eines solchen Projekts wohnt. Und laut einer Erhebung von Echelon Insights schneidet ein KI-Rechenzentrum in der Nachbarschaft schlechter ab als ein Kohle- oder Kernkraftwerk, obwohl deren lokale Risiken objektiv höher sind. Dazu kommt der Resonanzboden: Laut Pew Research waren 2026 rund 52 Prozent der US-Erwachsenen eher besorgt als begeistert über KI im Alltag, nur 9 Prozent umgekehrt; bei den 18- bis 29-Jährigen stieg die Sorge auf 55 Prozent, getrieben vor allem von Jobängsten.

Daraus lese ich eine Deutung, keine bewiesene Tatsache: Das Rechenzentrum ist zum greifbaren Ziel einer diffusen KI-Verunsicherung geworden. Die abstrakte KI lässt sich schlecht bekämpfen — sie nicht zu nutzen ist eine Nicht-Handlung mit begrenzter Wirkung, während sich die Welt ringsum trotzdem verändert. Das Gebäude dagegen hat eine Adresse, ein Bewilligungsverfahren, einen Gemeinderat. Der Unternehmer Mark Cuban nannte den Streit deshalb einen Stellvertreter für den Ärger über KI und die Machtkonzentration bei wenigen Tech-Konzernen; die Brookings Institution beschreibt das Rechenzentrum als Symbol des Bürgerfrusts über KI.
Die Grenze dieser Deutung ist wichtig. Die harte Version — es gehe gar nicht um die Rechenzentren — verzerrt die Realität der Anwohner. Gallup zeigt, dass Gegnerinnen und Gegner sehr konkrete Gründe nennen: Wasser, Strompreise, Lärm, wenig lokale Wertschöpfung. Diese Lasten sind belegbar, kein Vorwand. Am ehesten trifft ein Zweistufen-Bild: Die konkreten lokalen Kosten sind der Zündfunke, die breite KI- und Big-Tech-Skepsis der Katalysator, der aus einem einzelnen Baugesuch eine überparteiliche Bewegung macht.
Wo Widerstand konkret wirkte
Die aussagekräftigsten Fälle zeigen, welcher formale Hebel jeweils griff.
In Virginia bestätigte ein Berufungsgericht am 31. März 2026 die Unwirksamkeit der Umzonungen für das Grossprojekt «Digital Gateway» — wegen Mängeln bei der öffentlichen Bekanntmachung im Verfahren. Der Entwickler QTS zog am 2. Juli 2026 seine Anfechtung zurück; nach einer gerichtlichen Anordnung vom 29. Juli 2026 kehrte die ursprüngliche Zonierung zurück. Nicht die Empörung entschied, sondern ein Verfahrensfehler.
In Monterey Park in Kalifornien verankerten die Gegnerinnen und Gegner ihr Anliegen in einer verbindlichen Abstimmung. Das Ergebnis vom 26. Juni 2026: 10'388 Ja-Stimmen (88,33 Prozent) gegen 1'372 Nein — ein stadtweites Verbot von Rechenzentren.
In Maine wiederum hätte das Gesetz L.D. 307 Bewilligungen für Rechenzentren ab 20 MW bis zum 1. November 2027 ausgesetzt. Gouverneurin Janet Mills legte ihr Veto ein, weil der Entwurf keine Ausnahme für ein lokal befürwortetes Umnutzungsprojekt auf dem früheren Androscoggin-Mill-Gelände in Jay vorsah. Der Fall erinnert daran, dass eine strukturschwache Stadt ein Rechenzentrum auch aktiv wollen kann.
Beringen liest sich im Kontrast als Lehrstück über die Verfahrenslücke. Als der Protest sichtbar wurde, war das Projekt längst bewilligt. Ein Camp erzeugt dann Aufmerksamkeit, aber eine erteilte Baubewilligung hält es kaum mehr auf.
Regulierung statt Verbot
Ausserhalb spektakulärer Einzelfälle verläuft der Konflikt vor allem über Regeln. Die Niederlande beschränken besonders grosse neue Rechenzentren räumlich — nicht automatisch alle, und mit ausdrücklich benannten Ausnahmen in Teilen von Het Hogeland und Hollands Kroon. Irland verlangt seit einer Entscheidung der Energieregulierungsbehörde vom Dezember 2025 für neue Rechenzentren eigene Stromerzeugung oder Speicher in Höhe des beantragten Anschlusses sowie mindestens 80 Prozent zusätzliche, in Irland erzeugte erneuerbare Jahresenergie, mit einem sechsjährigen Umsetzungspfad. Auf EU-Ebene begründet die Energieeffizienzrichtlinie ein Monitoring- und Reporting-System; die EU-Datenbank veröffentlicht Kennzahlen zu Energie und Wasser-Fussabdruck grösserer Anlagen. Das ist eine Transparenzpflicht, kein Verbot.

Auch in den USA ist die Rechtswirkung enger, als Schlagzeilen nahelegen. New Yorks Executive Order 62 vom 14. Juli 2026 hält bestimmte noch nicht abgeschlossene staatliche Umweltgenehmigungen für Rechenzentren ab 50 MW zurück, bis eine übergeordnete Umweltprüfung vorliegt — lokale Bewilligungen sind ausdrücklich ausgenommen. Ein allgemeiner Baustopp ist das nicht. Der gemeinsame Nenner: Der wirksame Hebel ist meist die Bedingung und die Transparenz, nicht das simple Ja oder Nein.
Was das für die Schweiz heisst
Für die Praxis lassen sich daraus drei vorsichtige Prinzipien ableiten — als Einordnung, nicht als Erfolgsgarantie.
- Früh beginnen. Der wirksame Zeitpunkt liegt im Planungs- und Bewilligungsverfahren, nicht danach. Wer erst mobilisiert, wenn gebaut wird, hat den entscheidenden Moment meist verpasst.
- Zuständigkeit und Fristen klären. Wer bewilligt, in welchem Verfahren, mit welcher Frist? Je nach Gemeinde und Kanton kommen Initiative, Referendum, Petition oder Einwendungen im Planungs- und Baubewilligungsverfahren in Betracht. Welches Instrument verfügbar ist, richtet sich nach kantonalem und kommunalem Recht.
- Zahlen ehrlich ausweisen. Prognose- und Planungswerte — etwa «bis zu 75 Prozent» des kantonalen Strombedarfs, den EnergieSchweiz für den Maximalfall in Beringen nannte, oder die erwarteten 55'000 m³ Wasser — gehören als solche gekennzeichnet, nicht als gemessene Betriebswerte. Eine Kampagne, die hier sauber bleibt, übersteht den ersten Faktencheck.
Zur Fairness gehört die Gegenrechnung. Rechenzentren bringen auch Erträge: In Loudoun County in Virginia stammen laut County fast die Hälfte der Grundsteuererträge aus solchen Anlagen, und die Steuersätze sanken. Ob einzelne Haushalte am Ende weniger zahlen, hängt allerdings auch von steigenden Immobilienwerten ab — die Entlastung ist also keine Selbstverständlichkeit.
Schluss
Ob in Beringen am Ende ein Kilowatt weniger verbaut wird, weiss ich nicht; der Bau läuft. Aber die Fälle in Virginia, Kalifornien und Maine zeigen, dass sich über Verfahren, Abstimmungen und Auflagen real etwas verschieben lässt — mal zugunsten, mal zuungunsten eines Projekts. Die Bewegung ist jung, ihre Bilanz offen. Wer mitreden will, tut es am wirksamsten dort, wo entschieden wird: früh, im Verfahren, mit sauber ausgewiesenen Zahlen.
Quellen und methodische Hinweise
Stand 1. September 2026. Planungs- und Prognosewerte sowie Umfragen sind als solche gekennzeichnet.
- STACK Infrastructure, ZUR02 Zürich/Beringen (bis 36 MW IT) — stackinfra.com
- EnergieSchweiz / Bundesamt für Energie, Beringen (Bauphase, 36 MW Maximalausbau, erwartet 55'000 m³/Jahr Wasser, Vermietung an Dritte, «bis zu 75 %» Kantonsstrom als Prognose), Januar 2026 — pubdb.bfe.admin.ch
- Keystone-SDA via SWI swissinfo.ch, Räumung Camp Benken / Verlegung nach Tengen, 3.–4. Juli 2026 — swissinfo.ch (Räumung) · swissinfo.ch (Tengen)
- Gallup (USA), 71 % Ablehnung (März 2026, n=1'000, ±4) — news.gallup.com · Umfrage
- Annenberg Public Policy Center (USA), 61 % Ablehnung (Juni/Juli 2026; Dem 69 %, Rep 54 %, Ind 53 %) — annenbergpublicpolicycenter.org · Umfrage
- Europa/Schweiz: keine vergleichbare Bevölkerungsumfrage gefunden; fallbasierte Nachverfolgung von Widerstand, Klagen und Regulierung — European Data Centre Monitor (eudcmonitor.com)
- Prince William County / WTOP, «Digital Gateway»: Umzonungen unwirksam (31.3.2026), QTS-Rückzug (2.7.2026), Rückkehr zur Zonierung (29.7.2026) — pwcva.gov · wtop.com
- City of Monterey Park / LA County Registrar, Measure NDC: 10'388 Ja (88,33 %) / 1'372 Nein, 26.6.2026 — montereypark.ca.gov · results.lavote.gov
- Office of Governor Janet Mills, Veto zu L.D. 307 (Rechenzentren ≥20 MW, Ausnahme Jay), 24. April 2026 — maine.gov
- New York State, Executive Order 62 (staatliche DEC-Genehmigungen ≥50 MW, lokale Bewilligungen ausgenommen), 14. Juli 2026 — governor.ny.gov
- Rijksoverheid, räumliche Beschränkung neuer Hyperscale-Rechenzentren (mit Ausnahmen) — rijksoverheid.nl
- Commission for Regulation of Utilities (Irland), neue Anschlusspolitik (Erzeugung/Speicher + 80 % zusätzliche Erneuerbare), Dezember 2025 — cru.ie
- Europäische Kommission, Energy performance of data centres (Transparenz-/Reportingpflicht) — energy.ec.europa.eu
- Loudoun County, Data Centers (Anteil Grundsteuer, sinkende Sätze) — loudoun.gov
- Brookings, Rechenzentrum als „Symbol"/Proxy für KI-Frust und Machtfrage, 3.8.2026 — brookings.edu · Analyse/Interpretation
- Pew Research, KI-Sorge (2026: ~52 % eher besorgt als begeistert, 9 % umgekehrt; Junge 18–29: 55 %; Jobängste) — pewresearch.org · Umfrage
- Milltown Partners / Echelon Insights (Gegner wohnen meist nicht in der Nähe; RZ unbeliebter als Kohle-/Kernkraftwerk), via Berichterstattung, Juni 2026 — axios.com · Umfrage, sekundär
- Mark Cuban, Rechenzentrums-Streit als „Proxy" für KI-Ärger/Machtkonzentration, Juni 2026 — barchart.com · Zitat/Meinung
- Vox, „Americans don't know how to fight AI, so they're fighting data centers", 1.9.2026 — vox.com · Analyse
- Schweizer Instrumente je nach Gemeinde/Kanton — ch.ch
Dieser Beitrag wurde unter teilweiser Verwendung von KI-Tools (unter anderem zur Recherche und Faktenprüfung) erstellt. Alle Inhalte wurden von mir sorgfältig geprüft, überarbeitet und verantwortet.